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Feministischer und Frauen*-Streik am 8. März

By 3. März 2020 März 5th, 2020 No Comments

Letztes Jahr hat das Streikkomitee des Feministischen und Frauen*-Streiks Freiburg zum ersten Mal in Freiburg am 8. März zum Streik aufgerufen. Dieses Jahr fällt der 8. März auf einen Sonntag, aber gestreikt werden kann trotzdem deshalb lautet das Motto in diesem Jahr „Wir streiken auch sonntags – because we care!“

Gerne teilen wir hier den Aufruf zum Streik des Streikkomitee und die Aktionskarte. Weitere Infos gibts unter: https://fstreikfreiburg.wordpress.com/


Aufruf zum Feministischen und Frauen-Streik am 8. März 2020 für Freiburg und Umgebung

„Wir streiken auch sonntags – because we care!“ Wenn wir die Arbeiten niederlegen, steht die Welt still! Raus zum Feministischen und Frauen-Streik am 8. März!

Auch dieses Jahr rufen wir als Freiburger Streikkomitee alle Frauen, Lesben, Inter-, Nonbinary* und Trans-Personen (FLINT) dazu auf, am 8. März 2020 zu streiken und gegen die Ausbeutung weiblicher* Arbeit und gegen sexualisierte Gewalt zu kämpfen!
Seit über 100 Jahren gehen am 8. März, dem Internationalen Frauenkampftag, Frauen und Queers gegen sexistische Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt auf die Straße. Seit einigen Jahren rufen nun feministische Bewegungen weltweit für diesen Tag zum Streik auf: Denn wenn wir streiken, dann steht die Welt still.Dieses Jahr ist der 8. März ein Sonntag – was für uns heißt: Wir streiken erst recht! Denn gerade die Arbeit, die typischerweise vor allem von Frauen* verrichtet wird, muss auch am Wochenende erledigt werden, wenn andere frei haben.

Das Private ist politisch!

Das betrifft vor allem Care-Arbeit, also Sorgearbeiten, wie die Pflege von Menschen, die Erziehung und Betreuung von Kindern sowie alle reproduktiven Arbeiten wie Putzen, Kochen oder das Organisieren des Alltags zu Hause.
All diese Tätigkeiten sind notwendig dafür, dass Menschen leben und am nächsten Tag wieder zur Arbeit gehen können. Dennoch ist Care-Arbeit wenig sichtbar, wenig wertgeschätzt und gar nicht oder schlecht bezahlt: Frauen* und Mädchen* leisten weltweit täglich mehr als 12 Milliarden Stunden unbezahlte Care-Arbeit1. Unser Monatsgehalt müsste viel höher sein, würde es die tatsächlichen Lebenserhaltungskosten mit Ausbezahlung aller Arbeit decken. Arbeitgeberinnen profitieren somit von der Abwertung und Prekarisierung dieser Tätigkeiten, die Frauen zugeschrieben werden. Obwohl die kapitalistischen Gesellschaften also auf Care-Arbeit angewiesen sind, wird nur produktive Lohnarbeit, durch die Profit erwirtschaftet wird, als ‚wertvolle Arbeit‘ anerkannt.
Care-Arbeit soll möglichst kostengünstig sein – und wird deshalb wie im eigenen Haushalt entweder gar nicht bezahlt oder findet in fremden Haushalten unter prekären Arbeitsbedingungen oder in illegalisierten Arbeitsverhältnissen statt. Reproduktive und Care-Arbeit wird hauptsächlich von Frauen* verrichtet, was durch naturalisierende Zuschreibungen als typisch ‚weibliche‘ Aufgaben und Eigenschaften gerechtfertigt wird:
Frauen* würden sich besonders gut und gerne um andere kümmern, seien emotional und sozial veranlagt und würden gerne Hilfsbedürftige unterstützen. Das betrifft besonders Frauen* mit Migrationsgeschichte und durch Rassismus diskriminierte Frauen, die in besonders hohem Maße in prekären Care-Arbeits-Sektoren tätig sind. Denn schlechte Arbeitsbedingungen bedeuten auch Überlastung und Auslagerung an migrantische Arbeitskräfte. Aktuell haben wir in der BRD einen Pflegenotstand in Altersheimen und Krankenhäusern: Patientinnen können nicht richtig versorgt werden und Pflegekräfte sind durch ihre Arbeitsbedingungen überlastet. Die Regierung versucht unter großem Aufwand, Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren. Diese Auslagerung von Pflegearbeit auf Migrantinnen steht einer rassistischen Migrationspolitik gegenüber: Täglich finden Abschiebungen statt, begründet durch eine Migrationspolitik, die sich auf die Verteidigung eines funktionierenden Wohlfahrts-/Sozialstaats beruft. Wenn wir sonntags arbeiten, dann streiken wir auch sonntags! Ni una menos!

Gegen jede Form von Gewalt an Frauen und Queers!

Ökonomische Abhängigkeit und ein Wirtschaftssystem, das von der Ausbeutung von sogenannter weiblicher* Arbeit profitiert, bedeuten ein hohes Risiko für Frauen* und Queers: Sexismus und sexualisierte Gewalt haben sich fest in gesellschaftliche Strukturen eingeschrieben. Wir leben in einem Gesellschaftssystem, dessen Strukturen Frauen* krank machen und töten!Gewaltvoll sind die Verhältnisse zum einen insofern, als dass Frauen* in besonderem Maße von körperlichen und psychischen Krankheiten durch Über- und Mehrfachbelastungen betroffen sind. Sei es in Lohnarbeitsverhältnissen mit schlechten Arbeitsbedingungen oder durch die Doppelbelastung durch Arbeit und Pflege zu Hause. Vor allem aber sind Frauen* – in allen Lebensbereichen – mit Situationen konfrontiert, in denen sie* nicht wie Personen, sondern wie Objekte behandelt werden. Das äußert sich in frauenverachtenden Handlungen, in den alltäglichen Erfahrung sexueller und körperlicher Gewalt gegen Frauen: 40% der Frauen* haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und / oder sexuelle Gewalt erlebt (2).Vergeschlechtlichte Gewalt erfahren nicht nur Frauen, sondern auch Queers, insbesondere Inter– und Trans-Personen. Die Arbeitslosigkeit von Trans-Personen ist besonders hoch; in einigen europäischen Ländern betrifft sie bis zu 50%3. Queere Menschen erleben außerdem besonders häufig gewalttätige Übergriffe. EU-weit gaben mehr als 50% der befragten Trans-Personen an, in den vergangenen 12 Monaten wegen ihres Trans-Seins diskriminiert und belästigt worden zu sein4. Diese gewaltvolle Aufrechterhaltung einer binären Geschlechterordnung steht im Zusammenhang mit der Ausbeutung spezifisch weiblicher* Arbeit.Die größte Gefährdung von sexualisierter und körperlicher Gewalt besteht fürFrauen* im eigenen Haushalt und sozialen Nahkreis. Jede vierte Frau* hat Gewalt durch ihre* (Ex-)Beziehungspartner erlebt, allein 2018 wurden 114.000 Fälle zur Anzeige gebracht (5) . Die psychische und körperliche Gewalt steht in direktem Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Ausbeutung weiblicher* Arbeit.

Denn durch die ökonomische und emotionale Abhängigkeit, in der Frauen* häufig zu ihren* (Ehe-)Partnern, in der Regeln Männer, stehen, sind sie* Gewalt im häuslichen Bereich besonders ausgeliefert. Gleichzeitig erschwert die ökonomische Abhängigkeit die Möglichkeit der Frauen, sich zu trennen und aus den gewaltvollen Beziehungen zu entkommen. Femizid, die Tötung von Frauen aufgrund ihres* Frau-Seins, ist die Zuspitzung von Gewalthandlungen gegen Frauen und steht in Verbindung mit den ökonomischen und strukturellen Bedingungen der Gesellschaft. 2018 wurden 122 Frauen* in Deutschland von ihren (Ex-)Partnern ermordet6. Diese Morde werden als sogenannte ‚Familientragödien‘ als Taten einzelner verharmlost und entpolitisiert, was den Zusammenhang mit den systematischen patriarchalen Gewaltverhältnissen verdeckt.

Am 8. März werden wir streiken!

Damit wollen wir die sozialen Kämpfe um die gesellschaftliche Organisation von reproduktiver und Care-Tätigkeiten und gegen die Ausbeutung weiblicher* Arbeit führen!
Denn durch die Doppelbelastung von Lohnarbeit und Hausarbeit ist eine Vollzeitanstellung für viele Frauen* nicht möglich. Ergebnis ist, dass sie* durch Teilzeitarbeit und Tätigkeit in meist zudem schlecht bezahlten Berufsfeldern über weniger finanzielle Ressourcen verfügen und stärker von (Alters-)Armut betroffen sind.
Weiterhin wollen wir auf den Zusammenhang zwischen der Ausbeutung weiblicher* Arbeit und ökonomischer Abhängigkeit einerseits sowie struktureller und sexualisierter Gewalt an Frauen* und Queers andererseits aufmerksam machen und gemeinsam eine solidarische Gesellschaftsordnung erschaffen!

Warum Streik?

Wir streiken, weil Streik Alltägliches sichtbar macht, da gewohnte Vorgänge
stocken, unterbrochen werden, nicht funktionieren – und damit unbequem werden!
So soll Streik sichtbar machen, wer und unter welchen Bedingungen normalerweise die Arbeit verrichtet, die wir niederlegen werden!
Streiken dient der Reflexion und Diskussion darüber, wer in Beziehungen, Familien und der Gesellschaft welche Tätigkeiten ausübt – und wie spezifische Belastungen von Frauen* aussehen!
Im Kapitalismus ist Streik das einzige Medium, das wirklich weh tut, ökonomisch schadet und somit Druck ausübt. Wir begnügen uns nicht weiter mit Aktionen und Demos, sondern werden durch Streik zeigen, wie ernst wir unsere Forderungen meinen!
Deshalb ist Streik die einzige Lösung! Wir wollen massenhaften Regelübertritt!
Langfristiges Ziel ist die Etablierung des politischen Streiks!

Wir wollen…

…die Umverteilung von Haus- und Pflegearbeit zwischen den Geschlechtern!
…eine massive Anhebung der Bezahlung in sozialen und pflegerischen und anderen typische ‚weiblichen‘ Berufen, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, das Ende von Befristungen/Leih- und Zeitarbeit!
…dass Care-Tätigkeiten den Bedürfnissen der Menschen angepasst werden!
…Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich! Mehr Zeit für Beziehungen, mehr Zeit für Politisches, mehr Zeit für uns!
…Beziehungsverhältnisse aus der privaten Unsichtbarkeit zu holen! Das Private ist politisch!
…die klare Benennung von Femiziden in Öffentlichkeit und Medien!
…eine solidarische und selbstbestimmte Gesellschaft!

Hinaus zum Feministischen und Frauen-Streik am 8. März 2020!
Alle FLINT* (Frauen*, Lesben, Inter*, Non-Binary, Trans*) laden wir herzlich dazu ein, zu unseren Bündnistreffen zu kommen und am 8.März (mit uns) zu streiken!

Quellen:
1 https://www.oxfam.de/ueber-uns/aktuelles/oxfams-studie-sozialer-ungleichheit-12-milliarden-stunden-arbeit-ohne-bezahlt
2 https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/gewalt-gegen-frauen-merkmale-und-tatsachen.html
3 http://www.transinterqueer.org/download/Publikationen/benachteiligung_von_trans_personen_insbesondere_im_arbeitsleben.pdf
4 https://fra.europa.eu/en/publication/2014/being-trans-eu-comparative-analysis-eu-lgbt-survey-data
5 https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/haeusliche-gewalt-was-ist-haeusliche-gewalt.html
6 https://frauenrechte.de/unsere-arbeit/themen/haeusliche-und-sexualisierte-gewalt/aktuelles/4154-der-horror-hinter-geschlossentueren-
erschreckende-zahlen-zur-partnerschaftsgewalt-in-deutschland